Gemeinsam einsam
Sehr geehrte Kunstfreundin, Sehr geehrter Kunstfreund
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Gemeinsam einsam
Liebe Kunstfreunde und Kunstfreundinnen, in diesen Zeiten einer Pandemiekrise, in der sich unsere Sorgen und Befürchtungen in erster Linie um die Gesundheit unserer Lieben und um unser eigenes Wohlbefinden drehen, um die Bewältigung des Alltags, der in Quarantänezeiten nicht etwa ruhiger und gelassener, sondern oftmals stressiger, unruhiger, vor allem aber fremdbestimmter ist, scheinen Kunst und Kultur nicht ganz oben auf der Prioritätenliste zu stehen. Aber möglicherweise können die Künste nicht nur eine weitere Form der Vertreibung von Langeweile sein, sondern auch einen neuen Blick auf die besonderen Herausforderungen dieser Zeit ermöglichen.
Pandemien sind nicht unbekannt, sie sind für unsere Zivilisations- und Wohlstandsgesellschaft der nördlichen Erdhalbkugel nur so eigentümlich weit weggerückt. Ein Blick in die Geschichte der Kunst zeigt, wie vergleichbare, und oftmals deutlich schrecklichere, Ereignisse die Menschen betroffen haben, wie sie mit ihnen umgegangen sind und wie sie versucht haben, sich von ihnen ein Bild zu machen.
In einer losen Reihe von „Briefen zur Krise" möchte ich Ihren Blick auf diese Geschichten lenken. Auch wenn wir in erster Linie ein Kunstverein sind, der sich mit der zeitgenössischen Kunst befasst, haben wir auf unseren Fahrten doch immer wieder die alte Kunst betrachtet und besprochen. Wir wollen Ihnen nicht nur eine Linksammlung zur Verfügung stellen, durch die Sie sich klicken können – davon gibt es viele im Netz, und die bieten wir Ihnen in unserem Newsletter auch an – sondern ich möchte Sie auf eine persönliche Reise durch die Welt der Kunst mitnehmen, in denen ich meine Leseerfahrungen im Netz ebenso mit Ihnen teilen möchte wie neuere oder ältere Lesefrüchte und Eindrücke aus Ausstellungen und Museumsbesuchen der Zeit vor Corona. Die Briefe werden aus technischen und rechtlichen Gründen in unterschiedlicher Form erscheinen. Teils verweisen wir auf Abbildungen per Link, teils rücken wir sie in den Text oder überlassen es hin und wieder ihrer Findigkeit und eigenen Seherinnerungen, die Quellen zu ergründen.
Beginnen wir mit der Kunst der Moderne und einem Künstler, den wir auf den ersten Blick nicht mit Krise und Pandemien in Verbindung bringen würden, mit Edward Hopper. Nicolas Freund hat am 20.3. in der Süddeutschen Zeitung mit guten Gründen eine Kolumne unter dem Titel "Überlebenskunst" mit einem Blick auf diesen Künstler und die Ausstellung seiner Werke in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel begonnen. Bei Hopper geht es um die Erfahrung einer neuen Art von Einsamkeit: weniger der Isolation in der Quarantäne als vielmehr der Einsamkeit in den Städten, den neuen Metropolen des Vergnügens und des scheinbar unbegrenzten sozialen Austauschs. In seinen Bildern sind die Menschen im Café und in der Bar so allein wie im Kino oder selbst am Abend zu zweit, wo er die Zeitung liest und sie gedankenverloren einige Takte am Piano klimpert. Es sind Bilder einer tiefen Skepsis und Verunsicherung, wie Hoppers "Room in New York". Dieses Bild ist 1932 entstanden, drei Jahre nach dem großen Crash an der New Yorker Börse, dem Beginn einer lang anhaltenden Weltwirtschaftskrise, in der der Glaube an die Errungenschaften der Zwanzigerjahre, an Technik, Maschine und an die Beherrschbarkeit der Welt durch die Macht des Geldes fundamental ins Wanken geriet.
In Hoppers Bildern, von denen das "Museum of Modern Art" in New York eine schöne Auswahl in seiner Sammlung online zeigt, gibt es keine vorschnellen Antworten auf die damit verbundenen sozialen Herausforderungen, auch keine falsche Dramatisierung, sondern eine stille, manchmal beängstigend stille, Bestandsaufnahme. Wir wissen noch nicht, wohin uns die ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Corona-Krise führen werden, vielleicht regen die Bilder Hoppers ein wenig zum Nachdenken darüber an und eröffnen eine neue Lesart. Das wäre auch ein weiterer Beleg für die Tatsache wie Bilder in unterschiedlichen historischen Situationen ihre Bedeutung verändern und wie wir sie immer wieder aktualisieren können.
Bleiben Sie gesund und bleiben Sie dem Kunstverein treu. Ihr Richard Hoppe-Sailer
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