Videokunstprojekt

Abb.: Videostills, Copyright: die Künstler*innen

28.11.2025 - 27.3.2026

SEQUENCE #6: Über Grenzen

Simona Koch / Daniel Burkhardt / Lukas Marxt / Francis Alÿs

Der Begriff „Grenze" kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Wissenschaftlich gesehen sind Grenzen geografische, psychologische oder biologische Trennlinien, die unser Denken und Handeln beeinflussen. Gesellschaftlich betrachtet trennen Grenzen soziale Schichten, Kulturen oder individuelle Lebensrealitäten. Politische Grenzen bestimmen über Migration, Nationalstaatlichkeit und territoriale Zugehörigkeit, während räumliche Grenzen zwischen urbanen und ländlichen Strukturen oder zwischen öffentlichen und privaten Räumen verlaufen. Zeitliche Grenzen zeigen sich in historischen Zäsuren, Erinnerungskultur oder dem Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Künstlerisch betrachtet sind Grenzen sowohl ein inhaltliches als auch ein formales Element, das Wahrnehmung, Perspektive und Interpretation herausfordert.

In monatlichem Wechsel werden an der Fassade des Hauses der Kortum-Gesellschaft vier Videos gezeigt, die sich aus unterschiedlicher Perspektive mit dem Thema „Grenzen" auseinandersetzen. Die Projektionen sind täglich ab Einbruch der Dunkelheit zu sehen und frei zugänglich.

 

 

 

Gefördert von

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PROGRAMM


Simona Koch, Grenzen 
28.11.2025 bis 8.1.2026
Simona Koch: GRENZEN / Europa
Animierte Bleistiftzeichnung | 1:40 min/loop | s/w | ohne Ton | 2010

In ihrem Animationsfilm GRENZEN / Europa formt Simona Koch das Bild Europas anhand der durch die Jahrhunderte hindurch sich immer wieder neu und anders bildenden Grenzverläufe. Beginnend im Jahr 0 zeichnet sie mit einem Bleistift historische Grenzstrukturen nach, um sie anschließend auszuradieren und durch nachfolgende Grenzziehungen zu ersetzen. Im Verlauf des Films entsteht damit ein rhizomartiges Geflecht aus bestehenden und vergangenen Grenzlinien, das wie ein Röntgenbild Europas erscheint und auf einen gewachsenen Zusammenhalt jenseits nationaler Denkmuster verweist.
GRENZEN / Europa untersucht auf subtile und poetische Weise die Auswirkungen von Grenzziehungen, Grenzverschiebungen und -aufhebungen und stößt damit eine beinahe endlose Kette von Assoziationen und Reflexionen an über politische oder physische Grenzen wie auch über kulturelle, soziale und mentale Trennlinien, über Identifikation und Verbundenheit, aber auch über Trennendes und Distanz.

 

Daniel Burkhardt, Migrants

9.1. bis 5.2.2026
Daniel Burkhardt: Migrants
4k-Video | 5:30 min | Farbe | mit Ton | 2023

Der englische Begriff migrants ist weiter gefasst als das im Deutschen gebräuchliche Fremdwort Migrant und schließt unter anderem die ornithologische Bezeichnung für Zugvögel mit ein. Diese sind als wesensmäßig grenzüberschreitende Spezies die Protagonisten in dem Daniel Burkhardts Video. Die erste Einstellung zeigt einen Blick auf die Wiesenlandschaft des Dollart, einer von Sturmfluten geformten Meeresbucht im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, die alljährlich im Winter zehntausenden Zugvögeln als Schlafplatz dient.
Im Lauf des Videos folgen wir dem Flug der Vögel, die immer wieder die für sie irrelevanten politischen Landesgrenzen überschreiten. Sie orientieren sich stattdessen an den großen landschaftlichen Linien, die sich im Wattenmeer in fortwährender Bewegung befinden und gegeneinander verschieben. Das Thema der Grenze wird zudem auch auf der Ebene der filmischen Mittel aufgenommen: jede Sekunde erfolgt ein Schnitt. Ein durchgehender filmischer Verlauf ist unterbunden, was mitunter an die Grenzen einer kontinuierlichen Wahrnehmung führt.

 

 

Lukas Marxt, Two Skies

6.2. bis 5.3.2026
Lukas Marxt: Two Skies
1-Kanal Video | 4:28 min | Farbe | mit Ton | 2013

In Two Skies wird die Horizontlinie zur bildlichen Grenzlinie. Als heller Streifen teilt sie das Bild in zwei Teile, die jeweils einen Blick auf die Meeresoberfläche zeigen: eine zu Sonnenaufgang, die andere zu Sonnenuntergang. Auf den ersten Blick wirkt das Videobild fast wie ein klassisches Seestück, jedoch ist Himmelsmotiv ist durch ein um 180° gedrehtes Meeresbild ersetzt. Langsam entfernen sich die zwei Meeresoberflächen voneinander. Der Horizont wird aufgebrochen, ein neuer weisser artifizieller Horizont entsteht.
Wie durch einen Spalt öffnet sich damit ein Blick in eine imaginären (Licht-)Raum, der sich hinter dem Bild aufzutun scheint. Parallel dazu verändert sich die Tonspur im Lauf des Videos von dem anfänglichen naturhaften Meeresrauschen hin zu einem synthetischen „Weißen Rauschen", einem technisch erzeugten Geräuschklang, der in der Natur nicht vorkommt. Damit tut sich in Lukas Marxts Video eine weitere Grenze auf zwischen dem messbaren Raum unserer Realitätserfahrung und einem darüber hinausgehenden, unauslotbaren Vorstellungsraum.

 

Francis Alys, Childrens Game #39

6.3. bis 27.3.2026
Francis Alÿs: Children's Game #39: Parol
1-Kanal Video | 8:02 min | Farbe | mit Ton | Charkiw, Ukraine 2023

Das Video führt uns in die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 besonders umkämpften Region um die Millionenstadt Charkiw. Am Beginn des Videos fährt die Kamera durch eine von Raketen und Granaten zerstörte Gegend, gelangt dann in ein noch intaktes Gebiet. An einer Straßenkreuzung patrouilieren drei Kinder, in Uniform und mit Holzgewehren, als „Grenzposten" Die Kinder stoppen Autos, deren Insassen dann als Parole das Wort für »Brot« sagen müssen, das russischsprachige Menschen nicht richtig aussprechen können. Im Gegensatz zu den meisten Kinderspielen werden die Erwachsenen zwangsläufig zu Teilnehmenden diesem Spiel.
Francis Alÿs erläutert sein Video folgendermaßen: „Hier ist der Krieg die Ursache, die dieses spezifische Spiel hervorbringt. Zudem ist es ein Nachahmespiel: Es gibt noch einen offiziellen Checkpoint 300 Meter weiter die Straße entlang. Die Kinder kopieren also die Realität – die reale Welt der Erwachsenen – einerseits, um ein Teil davon zu werden und ihre Solidarität mit der nationalen Sache zu zeigen, und andererseits, um sich ihr Recht auf Spiel und auf ein eigenes Territorium wieder anzueignen."

Abb.: Videostills, Copyright: die Künstler*innen

ORT

Haus der Kortum-Gesellschaft Bochum
Bergstr. 68a, 44791 Bochum

 
 
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