Archiv: VideoStage

25.07.-7.8.2020

Daniel Burkhardt

Semiotics of the City

Daniel Burkhardt
Semiotics of the City
UHD · 4:02 Min. · Farbe · Stereo · 2020

Wie kann eine Stadt in ihrer Vielfalt beschrieben werden? Was macht Urbanität aus? Welche Begriffe und Kategorien spielen dabei eine Rolle?

Das Feld der Überlegungen, das Semiotics of the City eröffnet, wird im Video einerseits von den englischsprachigen Begriffen eines Online-Wörterbuchs konturiert, die bauliche, lebendige und akustische Elemente einer Stadt benennen und von computergenerierten Stimmen sachlich-emotionslos aufgezählt werden. Das hörbare Rauschen entspricht auf der akustischen Ebene dem Bilderrausch auf der visuellen, an den entsprechenden Stellen wird es unterbrochen und es erklingen in ähnlich schnell geschnittener Abfolge Geräusche, wie Fahrradklingeln, Hupen oder Kirchenglocken.
Die Begriffe werden in alphabethischer Reihenfolge genannt, ihre Aufzählung folgt daher einer strukturellen Ordnung, keiner hierarchischen, so dass bezüglich ihrer Prägnanz oder Relevanz in der Beschreibung des Städtischen keine Rangfolge auszumachen ist. Dabei ist die Dauer, während der ein Begriff im Raum steht, immer gleich lang. Die Bilderabfolgen jedoch variieren in ihrer Geschwindigkeit, denn die einzelnen Bilder wurden hinsichtlich der in ihnen sicht- und hörbaren Elemente vom Künstler indexiert. So kommt es, dass einige Begriffe mit einer schnellen Abfolge unterschiedlicher Bilder versehen sind, während andere Worte mit weniger und daher länger sichtbaren Bildern verbunden sind. Das vorgeführte Bildarchiv einzelner städtischer Bestandteile wird also verschlagwortet mit den Begriffen der Dinge und Töne, die in den Bildern zu sehen sind. Somit lässt sich auch noch die Frage nach der bildlichen und sprachlichen Repräsentation von Stadt im digital-archivalischen Raum stellen.

Diese dem Video zugrunde liegende Struktur ist jedoch längst nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Stattdessen wird im teils nicht ad hoc nachvollziehbaren Zusammenspiel von Ton- und Bildebene die Wahrnehmung an ihre Grenzen geführt. Versucht man zu Beginn noch, die Begriffe den Bildern zuzuordnen oder eine Ordnung von Bild und Ton zu erschließen, wird dieses Ansinnen aufgrund der unterschiedlich schnellen Bilderabfolgen rasch untergraben. Während in der Alltagswahrnehmung die Vielzahl audiovisueller Eindrücke gefiltert wird, um das eigene Funktionieren im städtischen, öffentlichen Leben überhaupt zu gewährleisten, lenkt das Video in der Überforderung der Wahrnehmung die Aufmerksamkeit auf ebenjene komplexe Fülle des urbanen Raumes, die in dieser Konzentration im Alltag nicht erfassbar ist.

Die Bilder erscheinen dabei zunächst wenig einladend. Sie zeigen eine Aneinanderreihung vornehmlich unwirtlicher Orte, die den städtischen Raum prägen. Es sind Bilder von leeren Bänken, versperrten und umzäunten Orten, die nicht näher in ihrer Funktion oder ihrer genauen Verortung bestimmbar sind. Fenster ohne Aussicht, in die Jahre gekommene Architektur, Lagerhallen, leere Plakatwände, Betonwüste – Urbanität im Sinne eines lebendigen, für Begegnungen gebauten öffentlichen Raumes ist hier kaum zu sehen. So erscheinen die Lebewesen in den Bildern auch entweder klein im Verhältnis zum Raum, oder sie sind im verbauten Transitraum des Städtischen aufgrund der schnellen Bildfolge nur eine flüchtig erkennbare Erscheinung. Sie alle sind in Bewegung, auf dem Weg von einem Ort zu einem anderen.
Zu sagen, es handelt sich hier um abweisende Bilder wäre jedoch nicht ganz zutreffend. Bilder, Geräusche und Begriffe sind nicht wertend arrangiert, sondern strukturieren den alltäglich durchquerten Stadtraum auf eine ungewohnte Weise: indem sie die Orte weitgehend ihrer Funktion enthoben zeigen und stattdessen aus einer formalästhetisch fokussierten Perspektive heraus vorführen, werden Formen, Farben, Oberflächenstrukturen und Klangqualitäten in den Mittelpunkt gerückt. Aus einer solchen Perspektive betrachtet ist die Frage nach den sozialgesellschaftlichen Qualitäten des öffentlichen Raumes vorerst nur von sekundärer Bedeutung.
Vielmehr stellt sich die Frage, auf welche Weise und mit welchen Bildern, Geräuschen und Begriffen der städtische Raum der Gegenwart in seiner vielfältigen Monotonie überhaupt repräsentierbar ist. Und in einem weiteren Schritt wäre zu fragen, inwiefern Wörter und Begriffe in ihrer Sachlichkeit überhaupt das Potenzial haben, Dinge angemessen zu repräsentieren. Unbestritten handelt es sich bei der Aufzählung der Begriffe um wesentliche Elemente der zeitgenössischen Stadt, jedoch mangelt es einer solch schlichten Aufzählung an ebenjenen emotionalen und ästhetischen Aspekten, die die Wahrnehmung im Alltag wesentlich mitbestimmen. Hier kommen schließlich die Bilder und die Geräusche zum Tragen, denn ihre Ansichtigkeit und Hörbarkeit eröffnet im Zuschauer unwillkürlich assoziative Spielräume, die die Wahrnehmung der Stadt aus ihren einzelnen Bestandteilen in ein als Ganzes Empfundenes überführen. Und genau in diesem Zusammenspiel von Bildern und Geräuschen entfaltet sich eine ganz eigentümliche Form des Poetischen.

Dr. Eva Wruck

VideoStage (25.7.2020 - 16.10.2020)

Gefördert durch die Stadt Bochum

 
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