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25.8. - 4.9.2020

Ulu Braun

Tower of Invincibility

Ulu Braun, Tower of Invincibility, 15:11 Min., HD, 2012
Parallel zur Präsentation im Internet ist die Arbeit während der regulären Öffnungszeiten auch als Großprojektion im Ausstellungsraum zu sehen.

Auf den ersten Blick ist die eigentlich als Filminstallation konzipierte Arbeit Tower of Invincibility, übersetzt ‚Turm der Unbesiegbarkeit', eine anachronistische Begegnung mit dem Fantastischen. Schon die schwarz-weißen Bilder scheinen analog und wie im Stummfilm ohne Ton gedreht zu sein. Die flackernden Bildränder wirken, als wohnten wir einer Filmprojektion mit veralteter Technik bei. Sind die dem Film unterlegten Klänge anfangs noch von unbeschwerter Art, vermitteln sie durch drohende Untertöne schon bald die Ahnung von Unheil. Dies scheint in dem weißen Turm selbst beheimatet zu sein, der sich inmitten eines Waldes erhebt und in dessen futuristisch wirkenden Kuppeln und Fassade aus Kunststoff-Planen sich die ehemalige Radarstation auf dem Berliner Teufelsberg erkennen lässt. Während diese mittlerweile eindeutig im Zerfall begriffen ist, zeigt sie sich im Film mittels eingefügter Bildelemente in eine imposante Anlage verwandelt.
Der früheren Funktion als Abhörstation entsprechend dient der Turm auch hier der Überwachung: Von den obersten Rängen überblickt ein exzentrisch in weiß gekleideter Beobachter durch ein Guckrohr das Geschehen am Fuße des Turms. Dort sind Frauen in langen Röcken und Schärpen in gymnastische Tanzübungen vertieft. Ballspiele, Turnen und Muskelübungen ergänzen das Programm, abgewechselt von Würfelspiel und gehobenem Müßiggang bei Literatur und Musik.
Passend zu den in verschnörkelter Schrift eingeblendeten Wörtern – Skills, Science, Spirit, Progress, Duplication – bildet sich eine Entwicklung der körperlichen hin zu geistigen Anstrengungen und schließlich erleuchteter Muße ab: Bälle und Teetassen werden allein durch Gedankenkraft dirigiert, ein Mann schwebt im Schneidersitz durch die Luft, Personen führen Zwiegespräche mit ihrem duplizierten Selbst.
Doch so, wie keine Geschichte ohne Übel auskommt, verkörpert ein im Wald hausender Trunkenbold mit wildem Gebaren die Kehrseite des harmonischen Treibens. Scheint er zunächst noch mittels Beobachtung und kleiner Gaben unter Kontrolle zu sein, triumphiert er am Ende, nachdem die Akademiemitglieder in die Stadt ausgezogen sind, nächtlich tanzend als neuer Bewohner des Turms.

Der Film fällt mit einem realen Geschehen zusammen, das titelgebend wurde: 2007 berichtete die Presse über Pläne David Lynchs, eine vedische Universität auf dem Gelände der ehemaligen Radarstation zu errichten, eng verbunden mit der Planung eines sogenannten Maharishi Tower of Invincibility als Denkmal für den Guru und dessen Lehre.
Die Koinzidenz ergänzt den Film durch einen aktuellen gesellschaftlichen Bezugspunkt. Jedoch wird das Streben nach körperlicher und geistiger Vervollkommnung hier letztendlich als ein autokratisches, missionierendes Projekt entlarvt und stattdessen der kleine Triumph des Unkontrollierbaren gefeiert.
Abgesehen davon bedient sich Ulu Braun mit dem Melodram und der volkstümlichen Erzählung im Stummfilm des frühen 20. Jahrhunderts an Genres, die traditionell vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Umbruchs das Innere und Gefühlshafte adressieren. So vermitteln etwa die Musik, Mimik und Gestik und selbst die Hell-Dunkel-Kontraste der Bilder assoziativ zu erlebende Stimmungen, die gleichwohl Botschaften über Gut und Böse, Glück und Unheil transportieren.
Überlagerungen, Zeitraffer und die Montage von abstrakten Bildern erinnern zudem an die Rolle von Film als Verhandlungsort des Übersinnlichen und Unsichtbaren, indem dieser mittels Licht und Zeit ihm eigene Erscheinungen hervorzubringen vermag. Während einige der Filmtricks auch analog zu erzielen wären, stellt die Collage von Bildelementen die digitale Überarbeitung und Zusammensetzung des Films heraus. Die durch Kostüme und die Optik einer obsoleten Filmtechnik inszenierte Vergangenheit entpuppt sich auf der Bildebene als eine Konstruktion aus digitalen Effekten und filmischen Fragmenten, deren Nahtstellen bei genauerem Hinsehen zu sehen sind.
Mit dieser Kollision von Altem und Neuem, scheinbar Vergangenem und künstlich Überarbeitetem drängt sich die Frage auf, unter welchen Bedingungen Fantasien von Unverfälschtheit und Stärke, wie sie z.B. die Maharishi Foundation beschwört, heute überhaupt noch zu visualisieren geschweige denn zu realisieren sind. Tower of Invincibility schließt damit an die Ulu Braun eigenen, zwischen Realismus und Fantastischem changierenden Bildwelten an, die die Imagination der Betrachter*innen für die Widersprüche und Reibungsstellen der Wirklichkeit öffnen.

Sophie Ribbe

Gefördert durch die Stadt Bochum

  • Förderung durch Stadt Bochum

Ausstellungsraum

Haus Kemnade
An der Kemnade 10
45527 Hattingen
Tel. 02324 – 30268

Anfahrt:
A 43, Abfahrt Witten-Herbede, Richtung Hattingen

Bushaltestelle: Hattingen, Haus Kemnade [Linie CE31]

Öffnungszeiten:
Di. – So., 11 – 17 Uhr (Nov. - April)
Di. – So., 12 – 18 Uhr (Mai - Okt.)

 
 
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